Daneben gehen ist doch auch ein Fortschritt

von Oliver W. Schwarzmann,
Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen


So langsam bewegt sich das Jahr dem Ende zu. Und nicht die Welt, wie ich glaube.
Nun, wir erleben dazu jetzt die geschmückten Tage der Besinnlichkeit, des spektakulären Rückblicks und die Zeit der neuen Perspektiven. Während die wichtigsten Bilder des Jahres nochmals im sensationellen Schnelldurchlauf an uns vorbeirennen und wir überlegen, was wir uns alles hätten schenken können, dreht es sich auch schon wieder darum, wie wir erfolgreich ins Neue Jahr starten.
Erfolgreich?
Ja, das ist der Maßstab für die großen Sprünge und zugleich die Messlatte für unser Gewicht. Denn über nichts anderes, als den Erfolg definieren wir unseren allgemeinen Wert, unseren gesellschaftlichen Stand, ja, unser persönliches Lebensglück.
Freilich, Erfolg verspricht vieles: Anerkennung, Applaus, Lob und nicht zuletzt Geld. Wer will das nicht haben? Und sein? Reich, schön, potent, witzig, charmant; Erfolgreiche umgibt eine Aura beneidenswerten Eindrucks. Doch während einigen scheinbar alles in die Hände fällt, muss sich die Mehrheit abmühen, Angemessenes auf die Hand zu kriegen.
Ist es Schicksal, Leistung oder gar Zufall, die entscheiden, wer auf der Sonnenseite sitzt und wer im Schatten steht?
Sind es etwa unsere Gene, die bestimmen, wer zu bestimmen hat und wer nicht?
Nun, ich glaube an Möglichkeiten, Wechselwirkungen und auch an Fügungen, nicht aber an Schicksal. Würde die Zukunft bereits feststehen, könnten wir tun und lassen, was wir wollten, es würde passieren, was passieren müsste. Ein freier Wille wäre völlig unnötig, eine fatale Vorstellung für Freiheitsliebende und Kreative.


Und was ist mit Leistung?
Freilich, wir kennen den Erfolgsmythos des Fleißes, des Unermüdlichen, des Kampfes in eigener Sache. Und da ist auch vieles dran, allerdings sollten wir uns nicht ausschließlich über unser Leistungspotenzial definieren, reduzieren wir den Menschen damit nur auf seine Nützlichkeit.


Tja, und Zufall?
Wo Zufall ist im Zusammenhang mit Erfolg, ist auch der Begriff des Glücks nicht weit. Denn wir halten es für ein Glück, wenn Zufälle unseren Interessen (überraschend) schmeicheln. Daher ist Glück eigentlich zuerst eine Frage nach unseren Interessen. Dann nach Zufällen.
Last not least – was ist mit den Genen?
Jeder besitzt Fähigkeiten, die er im Blut hat, die also in seinen biologischen Anlagen stecken, zweifellos, damit sie aber zur Wirkung kommen, braucht es Eigenschaften, die über unsere Physis hinausreichen. Wären wir also wirklich nur Marionetten unsere Gene, ginge es tatsächlich ums bloße Erreichen der Pole Position im Fortpflanzungsgerangel, alles andere, wie Kunst, Poesie und Musik, wäre letztlich nur Mittel zum koitalen Verwendungszweck.
Ich verstehe den Homo sapiens vor allem als fantasiebegabten Draufgänger, als Künstler, Romantiker, Träumer, als Visionär und neugieriges Wesen, als Bastler und Herumprobierer, nicht nur als angestrengten Genverteiler und optimierte Leistungskanone, die sich ständig zu vermehren und die Welt andauernd zu perfektionieren suchen.

Was uns wieder zu den Maßstäben und Messlatten führt: Eine auf Leistung und Erfolg konditionierte Gesellschaft setzt (ökonomische) Normen, an denen sich jeder zu messen hat. Schon in den Kinderschuhen geht es darum, ins normale Leistungsniveau zu schreiten, welches immer wieder mit standardisierten Tests festgestellt wird. Passt wer nicht in die Schablone, wird’s kritisch. Denn dann greifen die üblichen Optimierungsmechanismen.
Obwohl wir ja eigentlich alle Individuen sind.
Und obwohl es gerade das Unnormale, also das Abweichende, Unmögliche, ja, die Ausnahmen sind, die uns neue Wege aufzeigen. Zwar heißt es immer, die individuellen Stärken würden gefördert. Doch auf mich macht das, was (zumeist) unter Bildung verkauft wird, vielmehr den Eindruck, als handelt es sich immer nur darum, Schwächen im Bezug auf die gesetzte Norm auszugleichen. Denn Schwächen sind (zumeist) offensichtlicher als Stärken. Weshalb wir uns auf eben jene stürzen und uns über deren Überwindung definieren. Doch wahre Stärken sind nicht nur das Fehlen von Schwächen, ebenso wenig wie Erfolg lediglich das Gegenteil von Misserfolg darstellt. Oder Gesundheit einfach nur bedeutet, nicht krank zu sein. Nichts ist tatsächlich gut, nur weil es nicht schlecht ist.
Ich denke, wir sollten mit Schwächen anders umgehen, als sie umgehen zu wollen, indem wir ihr Gegenstück anstreben. Und wir können das Positive nicht wirklich durch das Negative messen. Freilich, gehen wir immer vom Schlechten aus, dann vermag uns die Welt nicht zu enttäuschen. Aber macht das wirklich Spaß?
Ähnliches erlebe ich auch in der Wirtschaft: Nahezu alle Unternehmen definieren sich selbst (neben den Kosten) immer im Vergleich zu ihren Wettbewerbern. Doch es begründet sich die eigene Potenz schlecht durch die (vermeintliche) Impotenz des Konkurrenten.
Oder man denke an die Energiewende: Der eigentlich positive Effekt des Umstellens auf erneuerbare Energien verpufft völlig, weil er aus der (negativen) Tatsache gefährlicher Atomenergie resultiert. Schade eigentlich.
Denn, wo, so frage ich mich, sind die eigenen Maßstäbe?
Als Menschen, als Gesellschaft und ebenso als Unternehmen sind wir unterschiedliche Erscheinungen mit eigenen Stärken und Schwächen, mit großen und kleinen Momenten, mit Ordnung und Chaos, mit persönlichen Idealen und Fehlern. Und dabei ist es legitim, Stärken, große Momente, Ordnung und Ideale anzustreben, aber eben dann, wenn sie uns tatsächlich guttun und die Welt besser machen. Nicht aber dann, wenn es dabei nur darum geht, das statuierte Gegenteil von Schwächen, kleinen Momente, Chaos und Fehlern zu erzielen. Denn wirklicher Erfolg im Sinne von Entfaltung, Selbstverwirklichung und Weiterentwicklung entspringt einer inneren Freude und individuellen Neugierde, nicht dem Zwang, die Norm zu erfüllen.
Maßstäbe, Messlatten, Normen und Standards sind wichtig für die Struktur unseres Alltages, aber ich halte sie nicht für das Absolute. Und Statistiken sind so lange akzeptabel, solange sie uns Menschen nicht zu Statisten machen. Alles hat für sich schon einen Wert durch seine Existenz. Wenn auch mit unterschiedlicher Bedeutung für uns Menschen. Wenn wir jedoch alles nur am Grad des Perfekten, also am Umfang des (für uns) Nützlichen, messen, verlieren wir den Blick für Vielfalt, Individualität, Unterschiedlichkeit, für Variation, Facettenreichtum und Schönheit.

Ich plädiere dafür, unsere Spielräume zu erweitern, mehr Kreativität, Intuition und Unsinn zuzulassen, auch mehr Fehler, ja, dafür, aus dem Rahmen zu fallen, aus der Reihe zu tanzen und eigene Maßstäbe zu setzen. Anstatt uns nur dem Diktat des Optimalen, Perfekten, Effizienten und Effektiven zu unterwerfen. Das engt uns lediglich ein.
Zudem wandelt sich die Welt derart schnell, dass wir unsere Normen und Ziele ohnehin ständig ändern und daher variabel denken und improvisieren müssen.
Dabei sollten wir auch unsere Ansprüche überdenken. Folgen wir nur ihnen, machen wir sie zur Grenze des Möglichen.
Das wäre nun gar nicht perfekt.

 

( Dezember 2012)