Der Weltspartag - Gedenktag der Inflationsgeschädigten oder ein Tag für unsere Zukunft?

von Oliver W. Schwarzmann,

Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen


Regelmäßig im Oktober jährt er sich, früher war es wirklich nur ein einziger Tag, heute geht’s die ganze Woche – der Weltspartag. Der Weltspartag versetzt Banken in einen positiven Ausnahmezustand: Junge Sparer pilgern mit von Oma und Opa prall gefüllten Spardosen in die Geldhäuser und liefern ihr Erspartes ab. Dafür gibt’s dann einen Eintrag ins Sparbuch und ein Geschenk. Darum geht es natürlich nicht, sondern um die pädagogische Wirkung des Ganzen und die lautet: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.
Nun, abgesehen davon, dass heute keiner mehr Zeit hat, scheint dieser Satz für die Politik nicht zu gelten. Politiker reden erst in der Not vom Sparen, was gar nicht geht, denn die Not zwingt zum Schuldenmachen.
Und Schuldenmachen ist eigentlich das Gegenteil vom Sparen.

Doch in der Politik ist das anders: Auch die Schuldenmacher bekommen Geschenke – jede Menge Steuergelder.

Für Sparer eine verkehrte Welt. 
Die jungen Sparer indes sind noch mit Begeisterung dabei – doch angesichts von Schulden- und Eurokrise, schwacher Zinsen und steigender Inflation bleibt vom Ersparten nicht mehr viel übrig. Im Gegenteil: Der Weltspartag wird zusehends zu einem Gedenktag der Inflationsgeschädigten, an dem die Sparer ihren Verlust in bar wieder einzahlen dürfen.
Und dafür bunte Luftballons erhalten.
Wie sinnig.
Nun, die Inflation könnte die pädagogische Wirkung des Spartags ad absurdum führen, müsste man den jungen Sparern ja sagen: Mit dem, was du heute sparst, kannst du dir in der Zukunft immer weniger kaufen.
Und dazu noch die Metaphorik der Luftballons – halten die beflissenen Sparer letztlich nur heiße Luft in den Händen?
Aufgeblasene Träume, die an den Schulden anderer zerplatzen?
Doch soweit wollen wir ja nicht gehen – sich etwas auf die hohe Kante zu legen, ist grundsätzlich schon richtig. Zwar kann es tief fallen, aber wer später nichts hat, fällt vielleicht noch tiefer.
Aber wem soll man sein Geld anvertrauen?
Die Banken stehen seit der Lehman-Pleite am Pranger für ihre Fehlspekulationen, und die ebenfalls durch negative Schlagzeilen bekannt gewordene Hypo Real Estate hat sich gerade gar um satte 55 Milliarden Euro verrechnet.
Vertrauenswürdig ist das nicht.
Und Lebensversicherungen?
Bisher galten die Papiere als fester Baustein für die Altersvorsorge, der jetzt ins Rollen kommen könnte – viele Versicherer haben das Geld ihrer Kunden in Staats- und Bankanleihen investiert. Also mitten ins Risiko.
Vertrauenswürdig ist das nicht.
Lohnt also die Flucht in Immobilien?
Freilich, die Rahmenbedingungen sind gut, günstige Kredite locken und kommt die große Inflationswelle tatsächlich, dann stehen Sachwertbesitzer tendenziell auf der Gewinnerseite.
Droht allerdings eine Deflation, wie manche Experten befürchten, dann hätte sich das Warten wohl eher gelohnt, angesichts fallender Preise säße man womöglich auf Wertverlusten.

Hätte, würde, könnte.
Nun, die Zukunft ist nicht vorhersehbar.
Was, wie ich finde, eine Gunst des Schicksals ist, denn eine vorhersehbare Zukunft wäre eine Zukunft, die nicht mehr zu ändern wäre. Entscheidungen wären sinnlos, es käme ja, wie es kommen müsste.
Angesichts einer solchen Zukunft gäbe es keinen Fortschritt mehr; jeder und alle warteten nur noch auf den Eintritt des Unvermeidlichen.
Natürlich, eine freie und offene Zukunft ist demgegenüber weitaus unsicherer und daher um vieles anstrengender – sie erfordert Vorstellungskraft, Mut und Entscheidungsstärke.
Und Gelassenheit: Denn was gestern noch als Inbegriff der Sicherheit galt, ist heute vielleicht das größtmögliche Risiko, das morgen womöglich schon wieder der sichere Hafen von übermorgen sein könnte.
Deshalb rate ich vielen Investoren alt Bekanntes: Risiko streuen, sowohl in der Anlageform als auch in der Laufzeit. Wobei heute nicht mehr nur die Rendite, sondern die Zeit selbst zum Risikofaktor geworden ist. Vor allem langfristige Geldanlagen sind aufgrund der dynamischen und hochkomplexen Entwicklungen in den globalen Wirtschafts- und Finanzsystemen nicht mehr in der Weise konstant wie einst. Schwankungen und Umbrüche in den Märkten treten viel unkalkulierbarer und abrupter auf, was mehr Flexibilität, Improvisationskunst und Weitsicht von uns verlangt.
Daraus ergibt sich ein zweiter Rat: Finanzinvestitionen mit direktem Nutzen bieten eine etwas andere Rendite, deren Wert von elementarer Natur ist – persönliche Verwertbarkeit. Denken Sie an die eigenen vier Wände: Das Wohnen ist direkt mit unserer Lebensweise verbunden. Ebenso ein Stück Land, auf dem Obst und Gemüse angebaut werden könnten, ist ein Beispiel für den persönlichen Nutzen. Nicht nur das: Auch Kapitalanlagen in Wein eignen sich zur direkten Verwertung mittels eigener Verkostung.
Und aus diesen beiden Einsichten ergibt sich eine grundsätzliche Lektion: Investiere so, dass sich die Möglichkeiten einer aktiven Lebens- und Zukunftsgestaltung erhöhen.

 

Eines ist sicher: Unsere Welt wird immer komplexer und dynamischer, Unsicherheiten und Risiken nehmen ebenso zu wie die neuen Chancen und Gelegenheiten, die sich aus den Wechselwirkungen ergeben.
Eine offene Zukunft ist die Basis von Fortschritt und Weiterentwicklung. Und es werden auch künftig Märkte, Unternehmen und Arbeitsplätze existieren, wenngleich sie sich ständig und wohl auch stärker als früher verändern.
Was bleibt, sind wir Menschen – wir sind die Konstanten in einer bewegten Zeit.
Wir sind die Sicherheit in einer unsicheren Zeit.
Diese Erkenntnis ist es auch, die wir im Finanzmarkt wieder zur Maxime des Handelns erheben müssen: Es geht letztlich immer um Menschen und um ihr Vertrauen.
Fehlt diese Einsicht, fehlt schlussendlich auch dem Kapital der Wert, den es braucht, um als Investition produktiv wirken zu können.
Und da sind wir wieder bei den jungen Sparern – der Weltspartag sollte ein Vertrauenstag sein.
Ein Tag, der das Gefühl verströmt, dass es sich lohnt, in die Zukunft zu investieren.
Dessen müssen wir uns würdig erweisen.
Schon alleine der jungen Sparer zuliebe.    
Dann können wir auch getrost bunte Luftballons in den Himmel aufsteigen lassen.  

 

(Oktober 2011)