Die Gegensätze werden immer größer – Eine Weihnachtsansprache in Widersprüchen

von Oliver W. Schwarzmann,

Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen

 

Die Weihnachtszeit ist eine Zeit der Ansprachen.
Oft wäre aber eine Aussprache wichtiger.
Deshalb versuche ich mich einmal auszusprechen.
Und zwar in Widersprüchen,
die einige Gegensätze unserer Zeit zur Sprache bringen sollen.
Beginnen wir mit …

… Gegensatz Nr. 1: Die Ökonomie und der Mensch

Die Konjunktur brennt ein Feuerwerk ab und der Mensch leidet an Burn-out.
Unsere Wirtschaft wächst, aber wir wachsen nicht mit.

Ich wünsche mir, dass wir die Ökonomie nicht mehr nur zu einseitiger Vermehrung und Vergrößerung nutzen, die in einer Welt mit endlichen Ressourcen zugleich auch auf anderer Seite Verringerung und Verkleinerung bedeuten.
Sondern dass wir es schaffen, Wachstum zu persönlicher und gemeinschaftlicher Entwicklung zu wandeln.

… Gegensatz Nr. 2: Der Fortschritt und die einfachen Dinge
Die Entwicklung geht immer weiter voran und entfernt sich immer weiter von den Menschen.
Unser Aufstieg wird immer steiler, aber wir steigen nicht mehr durch.
Ich wünsche mir, dass unser Fortschritt nicht mehr alles nur in neue Höhen treibt und komplizierter macht, was den Abstand zur Zukunft und die Sehnsucht nach den einfachen Dingen nur vergrößert.
Sondern dass wir mit unserer Entwicklung wirkliche Verbesserung erreichen,
vor allem aber Klarheit finden.

… Gegensatz Nr. 3: Das Geld und der Sinn
Das Kapital wird immer mehr und wir Menschen stehen immer mehr in dessen Schuld.
Unsere Vermögen beherrschen die Welt, doch wir vermögen immer weniger. 
Ich wünsche mir, dass wir nicht nur nach neuem Geld streben, was uns nur zu berechnenden Wesen macht.
Sondern dass wir lernen, dass das, was wirklich im Leben zählt, nicht zu zählen ist.

… Gegensatz Nr. 4: Alter und Jugend
Die Gesellschaft wird immer älter und wir Menschen streben nur noch nach Jugend.
Unsere Lebenserwartung wird immer länger, aber die Zeit für die Jugend wird immer kürzer.
Ich wünsche mir, dass wir das Alter nicht als Problem begreifen, was unsere Sucht nach Jugend nur noch mehr verstärkt und die Gesellschaft weiter spaltet.
Sondern dass wir das Alter so schätzen, wie wir die Jugend bewundern.

… Gegensatz Nr. 5: Globalisierung und Heimat
Im globalen Dorf gibt es keine Grenzen mehr und der Mensch sucht die Abgrenzung.
Unsere Welt öffnet sich immer weiter, wir aber streben nach Zugehörigkeit.
Ich wünsche mir, dass die Globalisierung dem Kosmos nicht seine Unterschiede nimmt, was die Welt nur gleichmachen würde. 
Sondern dass wir uns weltweit austauschen können ohne weltweit austauschbar zu werden. 

… Gegensatz Nr. 6: Mobilität und Zugang
Die Welt wird immer beweglicher und wir Menschen wollen uns immer mehr an irgendetwas festhalten. 
Es geht alles immer schneller, aber wir kommen immer langsamer voran. 
Ich wünsche mir, dass die Mobilität uns nicht nur über den Globus befördert, Daten
in Sekunden um die Welt schickt oder uns immer neue Geschwindigkeiten beschert.
Sondern dass wir Mobilität als Zugang verstehen, der uns zeigen will, dass alles mit allem in Verbindung steht.

… Gegensatz Nr. 7: Flexibilität und Anpassung
Alles dreht sich nur noch um Veränderung und der Mensch will, dass alles so stehenbleibt, wie es ist. 
Unsere Umwelt fordert immer mehr Anpassung, was uns aber immer weniger passt.
Ich wünsche mir, dass wir Flexibilität nicht als Zwang verstehen, den uns
vorgegebenen Rahmen perfekt auszufüllen.
Sondern dass wir mit eigenen Maßstäben einen neuen Rahmen bauen.

… Gegensatz Nr. 8: Vertrauen und Misstrauen
Die Welt rückt immer dichter zusammen und wir Menschen trauen der Enge nicht.
Die Lichtgestalten strahlen, doch wir fühlen uns von ihnen geblendet.
Ich wünsche mir, dass das Vertrauen nicht an Kraft verliert, was die Welt nur
noch weiter beschränken würde. 
Sondern dass Vertrauen die Stärke bleibt, die uns die Welt öffnet.

…. Gegensatz Nr. 9: Vergangenheit und Zukunft
Die Welt von morgen bietet neue Chancen und der Mensch sieht heute nur die Risiken.  
Unsere Zukunft erfordert Weitsicht, doch unser Blick schweift zurück.
Ich wünsche mir, dass uns die Vergangenheit lehrt, sie nicht zu wiederholen.
Sondern dass wir uns von einer neuen Sicht leiten lassen.
Von der Zuversicht. 

 

(Dezember 2011)