Entscheidungen sind auch nicht mehr das, was sie einmal sein sollten

von Oliver W. Schwarzmann,

Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen

 

Wir müssen uns entscheiden.
Täglich aufs Neue.
Was werden wir heute tun?
Tun wir das Richtige?
Und wie wird es morgen sein?
Unser Alltag ist vollgestopft mit Entscheidungen.
Mit kleinen und großen, persönlichen und solchen, die die Welt von uns fordert.
Eigentlich sind Entscheidungen ja dazu da, eine Wahl zu treffen und etwas zu verändern. Doch mittlerweile ist es umgekehrt: Da sich alles verändert, müssen wir unsere Entscheidungen nach den gegebenen Veränderungen treffen.
Experten nennen das Anpassung.
Viele unter uns empfinden diese Anpassung als Druck.
Gut, wir wissen seit Evolutionsbegründer Darwin, dass sich alles Leben anpassen muss, dass alles Leben in ständiger Auslese steckt und sich dabei letztlich nur das Überlebensfähige durchsetzt.
Wir sind also Getriebene unserer Umwelt.
Und auch das hat sich verändert: Früher haben uns die Naturgewalten getrieben, doch heute verändern wir die Umwelt so tiefgreifend, dass wir uns durch unsere selbst geschaffene Manipulation verändern müssen.
Deshalb besitzt der Fortschritt keinen guten Ruf.
Er hat die Welt nicht nur vorangebracht, sondern sie überdies dynamisch und komplex gemacht; die globalen Wechselwirkungen sind mittlerweile völlig unkalkulierbar geworden, was weder Planbarkeit noch Sicherheit zulässt.
Freilich, parallel dazu sind unsere Gestaltungsmöglichkeiten in Anzahl und Umfang enorm gestiegen, die Freiheiten des Individuums sind größer denn je.
Doch genießen tun wir das anscheinend nicht, denn Freiheit verlangt Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit. Und das wiederum empfinden viele als eben jenen Zivilisationszwang, der uns unter Druck setzt.

Da wir uns auf nichts mehr verlassen können, weil sich im Handumdrehen alles verändert, verändert sich auch die Bedeutung von Wissen und Erfahrung. Wir können Letztere nicht mehr als Grundlage für unsere Entscheidungen ansehen – es wird in einer bewegten Welt immer gefährlicher, die Zukunft aus der Vergangenheit hochrechnen zu wollen.
Wir fangen also im Grunde immer wieder bei null an.
Wir müssen uns immer schneller zurechtfinden.  
Und wir müssen immer schneller immer klügere Entscheidungen treffen unter Einbezug immer größer und unüberschaubar werdender Einflüsse.
Deshalb spreche ich gerne von der Kunst der Improvisation; eine Fähigkeit, die immer wichtiger wird in unserem Leben, das keiner Kontinuität mehr folgt und auch keinem Plan gehorcht. Unser Alltag ist ein ständiges Provisorium. Und ein offenes dazu, das von uns aktive Gestaltung einfordert.
Aber wie sollen wir etwas gestalten, wenn wir nicht wissen, wie wir uns entscheiden sollen?
Wenn wir nicht wissen, was sich als richtige oder eben als falsche Wahl entpuppt?
Nun, das keiner voraussagen.
In einer unkalkulierbaren und deshalb unsicheren Welt gibt es keine Garantien, weshalb wir neue Konstanten, neue Sicherheitsfaktoren suchen müssen – und zwar in uns selbst.
Denn die Zukunft kommt nicht auf uns zu, sondern sie kommt aus uns.
Heißt: Das Maß unseres Selbstvertrauens wird die Qualität unserer Wahl prägen. Und damit unsere Zukunft bestimmen. 
Vertrauen wir uns selbst, wird unsere Erfahrung zur Intuition, unser Wissen zur Gabe des richtigen Gespürs.
Und die Fantasie tut ihr übriges, denn unsere Welt ist immer nur so groß, wie es unsere Vorstellungskraft ermöglicht.
Entscheidungen auf Basis von Vertrauen, Intuition, Gespür und Fantasie verändern dann wieder etwas – nämlich uns selbst.
Und verändern wir uns, verändert sich auch die Art und Weise unserer Entscheidungen.
Denn Sicherheit ist nicht, Unsicherheit umgehen zu können, sondern Sicherheit ist, mit Unsicherheit umgehen zu können.

Früher entschieden wir zwischen Alternativen, heute entscheiden wir, um neue Alternativen zu schaffen.
Wer nur zwischen A und B zu wählen vermag, lernt die Zukunft immer nur von einer Seite kennen.
Und das wird einer vielschichtigen Welt sicher nicht gerecht.
Eine hochkomplexe und äußert bewegte Welt fordert aber nicht nur immer mehr und immer schnellere Entscheidungen, sondern eben auch hochkomplexe und solche, die wirklich etwas bewegen.
Also auch in kurzfristigen Entscheidungen muss nicht nur persönliche Verantwortung stecken, sondern auch Weitblick, also ein konstruktiver Bezug zur Zukunft.
Dieser Bezug ist dann konstruktiv, wenn Weitblick weder das Streben ist, in die Zukunft gucken noch die Absicht darstellt, sie berechenbar machen zu wollen.
Nein, wirklicher Weitblick beweist sich in der Fähigkeit, in unseren Entscheidungen neue Veränderungen einkalkulieren zu können.
Das heißt: Die Entscheidungen der Zukunft sind offen. Bedeutet: Entscheidungen der Zukunft dürfen nicht festlegen.
Oder anders gesagt: Entscheidungen von heute müssen bereits die Alternative beinhalten, in Zukunft auch etwas völlig anderes machen zu können.
Sogar das Gegenteil.  
Das wird entscheidend sein.

 

(November 2011)