Wir haben gestutzt oder: Europa im Keller?

von Oliver W. Schwarzmann,
Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen

 

Abgestuft ist mittlerweile ‚in’, könnte man lächelnd sagen, und das vor allem jetzt, nachdem die Kreditwürdigkeit von neun Euro-Ländern durch die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s eindrucksvoll gestutzt wurde.
Zu Recht?
Und wirklich auf’s zurechte Maß?
Euro-Politiker haben ob des Einschnitts einen ganz schön langen Bart.
Nicht zu unrecht: Humorlos betrachtet, ist die Bewertung der Bonität durch eine Ratingagentur ein Armutszeugnis. Jedenfalls derzeit meistens.
Und es macht betreten, weil die betroffenen Länder dem Urteil nichts entgegenzusetzen haben und nun herbe Zinsaufschläge in ihrer Geldbeschaffung bei verunsicherten Investoren einstecken müssen.
Was ist von diesen Ratingagenturen tatsächlich zu halten?
Sprechen sie die Wahrheit aus?
Oder steckt politisches Kalkül dahinter?
Zumindest haben die Ratingagenturen ihre Hände im Finanzmarktspiel und beweisen dabei ein ausgezeichnetes Fingerspitzengefühl für unpassende Momente, zeichnete sich doch gerade in den letzten Tagen Entspannung in der Krise ab. Die ist nun zur neuen Unruhe aufgeschäumt, weil die Agenturen eben jetzt eine Menge Salz in die angeleckten Wunden streuen, was eine Verschärfung der Krise unmittelbar zur Folge haben wird.  
Man muss sich das schon auf der Zunge zergehen lassen: Ausgerechnet amerikanische Ratingagenturen geißeln Europas Schulden, während die USA mit eigenem Haushaltsdefizit tiefrote Kreide aufwirbeln und eigentlich selbst am Pranger stehen.
Und das bisschen Luft, was das eine oder andere ohnehin schon gebeutelte Euroland bei der Kreditaufnahme soeben holen konnte, bekommt jetzt mächtig Gegenwind und es scheint dabei einigen die Puste auszugehen.  
 
Diese versalzte Suppe schmeckt den Euro-Politikern verständlicherweise ganz und gar nicht, wollten sie doch auf keinen Fall als getriebene Auslöffler, sondern als patente Krisenchefköche Geschichte schreiben. Eine ganz im üblichen Stil von US-Blockbustern – dramatisch, mit viel Getöse und unausweichlichem Happy-End.
Aber der Strich, den die amerikanischen Agenturen den politischen Euro-Wirten ständig durch die Rechnung machen, zieht sich mittlerweile wie ein roter Faden durch die Krise. Unterdessen knüpft sich ein Gipfel an den anderen, was nicht gerade für einen Begeisterungssturm in schwindelnde Höhen sorgt. Und nun lüftet Standard & Poor’s auch noch auf einen Abschlag den mit Steuergeldern gewebten Teppich und es kommt zum Vorschein, was zuvor galant darauf heruntergespielt und anschließend darunter gekehrt wurde. 
Ja, das mit der Eurorettung ist schon der Gipfel, denn eines wird immer deutlicher: Rettungsschirme nützen nichts, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, und immer nur neue Bürgschaften oder frisches Geld lösen die Probleme nicht. Im Gegenteil: Neue Schulden sind dann schuld, wenn auch in Zukunft kein Geld da ist. Selbst der sanfte Senf, der von Politikern in mildem Timbre dazugegeben wird, kann die Gemüter nicht mehr besänftigen.
Und auch das Übel an der Wurzel, sprich: an der Ursache, will sagen: den Finanzmarkt zu packen, dafür fehlt es an echter Courage.
Freilich, man will nun die Finanzmarkttransaktionssteuer durchboxen, um den Finanzakteuren wenigstens etwas an ihren Milliardenumsätzen abzuringen.
Ein Kampf bereits Angeschlagener mit einem mächtigen Gegner und ungewissem Ausgang, der schon in der Lobby der Veranstaltung verloren gehen könnte. 
Da nicht alle in den Ring steigen, allen voran Großbritannien, schließt sich der Kreis nicht und die ohnehin global tätigen Finanzjongleure wandern zu den günstigen Ausnahmen, um sich nicht ausnehmen zu lassen.
Die Spekulanten gehen also nicht in die Knie, sie werden nicht einmal angezählt. 
 
Tja, die Schuldenkrise wäre eigentlich gleich gelöst, wenn wir Pfand bekämen für die Flaschen, die sie uns eingebrockt haben. Aber da sie keiner haben will und sie zum Aussortieren zu teuer sind, bleiben sie im System.
Nun, wie gesagt, die Ratingagenturen haben alle Hände voll zu tun, die Finger in die Wunde zu legen.
Und sie haben Recht.
Was strukturell schief läuft, kann finanziell alleine nicht wieder gerade gebogen werden. Deshalb mahnen die Agenturen beim Mosern über das fehlende Moos vor allem das politische Handeln an und weisen darauf hin, dass es um die erwünschte Wettbewerbsfähigkeit schlecht bestellt ist.
Nun, ohne Innovation und echtes Wachstum kann man eben nicht wirklich überraschen und Neues liefern. Es müssen also förderliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, statt Flüssiges aus Fässern ohne Boden in schwarze Löcher füllen zu wollen.
Alles andere kann man sich sowieso sparen.
Das ist der Punkt, an dem ich bei der Betrachtung der Ratingagenturen ansetze: Was raten sie denn nun genau?
Okay, es geht um die Kreditwürdigkeit eines Landes, nun, gut soweit.
Aber was macht die Kreditwürdigkeit eines Landes aus?
Landschaften berücksichtigen Bürokraten ja nicht, und Kultur und Historie stehen bei ihnen ebenfalls nicht in den Büchern.
Also wer macht dann die Kreditwürdigkeit eines Landes aus?
Oder besser: Mit wem beginnt sie?
Mit den Unternehmen?
Oder den Bürgern?
 
Aber bitte – es gibt in den herabgestuften Ländern genügend Unternehmen, die auf der Erfolgstreppe stehen und genauso viele Bürger, die ihr Geld ordentlich verdienen und für die Zukunft anlegen.
Nein, zunächst geht es um den Staatshaushalt.
Und den füllen zwar die redlichen Unternehmen und Bürger, für dessen Güte müssen sich aber die Politiker verantworten.
Genauso wie sie es vermögen müssen, reiche Unternehmen und Bürger, die ihrem Anteil sang- und klanglos entsagen wollen, entsprechend zu beteiligen.
Und genauso wie sie ihrem Land wegweisende Antworten für dessen Zukunft schuldig sind.
Deshalb, so meine ich, brauchen wir eigentlich keine Ratingagenturen, sondern eine Casting-Jury, die die Vertrauenswürdigkeit und Handlungsfähigkeit von Politikern benotet.
Wer sich bewährt, kommt eine Runde weiter.
Nun … das haben wir ja schon, schließlich leben wir in Demokratien, weshalb die Jury aus uns Wählern besteht, die den Politstars ihre Stimme geben.
Im Umkehrschluss also betont, sind wir selbst für die Performance unserer Krisentalente verantwortlich.
Also dürfen wir uns über die Qualität ihrer Arbeit nicht beklagen, außer sie verspielen ihren Kredit. Und damit unser Geld.
Ärgern können wir uns womöglich nur über den Mangel an Alternativen.
Vielleicht sollten wir ja selbst Hand anlegen.
Nicht nur an unser Geld, sondern auch an den Zusammenhalt, den Europa mehr denn je braucht.
Lassen wir uns von Abstufungen runterziehen, landen wir alle im Keller.
So einen Untergang haben wir nicht verdient.
Wir sollten deshalb zeigen, dass wir hinter uns stehen.
Ja, dass sich mit Wut nichts ändert und wir deshalb Mutbürger sind.
Am besten wäre es, wir investierten ausgerechnet in Unternehmen und Menschen in den herabgestuften Ländern, unterstützten sie in ihrem Aufbau und Wachstum, glaubten an ihre und unsere gemeinsame Zukunft.
Ein Europa der starken Bürger mit einer nachhaltigen Realwirtschaft, die alle gemeinsam halten, was sie sich versprechen.
Das würde die Politiker ebenfalls zu starkem und nachhaltigem Handeln anregen.
Bestenfalls mal dazu zwingen.   
Und es würde nicht nur die Spekulanten verunsichern.
Vor allem die Ratingagenturen würden stutzen.

( Januar 2012)