Hat die Altersvorsorge noch Zukunft?

von Oliver W. Schwarzmann,
Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen

 

Die aktuelle Studie „Altersvorsorge in Deutschland 2011/2012“, die die Postbank zusammen mit dem Institut für Demoskopie Allensbach seit 2003 erstellt, konstatiert einen trüben Blick in die Zukunft. Zumindest, wenn es ums Vorsorgen geht. Nicht nur die Bereitschaft dazu ist gesunken, auch die monatlichen Beiträge gehen zurück, heißt es. Woraus die Postbank einen langfristigen Trend abzulesen glaubt, und zweifellos keinen erfreulichen, schließlich will man ja als Finanzunternehmen langfristige Verträge verkaufen. Tja, die Finanzbranche muss sich daran gewöhnen: Die Ära, als Kunden noch Verträge mit jahrzehntelanger Laufzeit abschlossen und diese brav bis zum Schluss bezahlten, ist endgültig vorbei. Und sie wird auch nie wieder kommen, diese unkomplizierte Epoche des keuschen Langfrist-Sparens, schließlich lassen sich heute wirtschaftliche Entwicklungen kaum länger als sechs Monate überblicken. Schuld an der Misere hat eine hektische Welt, in der alles auf den Augenblick fixiert ist, und in der einem die Zukunft irgendwie abhanden gekommen scheint. Alles geschieht in Echtzeit, das Jetzt ist der bestimmende Zeitpunkt jeglicher Agitation, die Gegenwart die ultimative Dimension, die unser Denken prägt. Und ja, es stimmt: Wir müssen andauernd damit rechnen, von einer Sekunde auf die nächste in eine andere Lebenssituation geschleudert zu werden, was eben höchste finanzielle Mobilität erfordert. Hand aufs Herz, wer will sich da schon noch auf längere Zeiträume festlegen?  

 

Nicht an die Zukunft zu denken, ist allerdings fatal. Punkt. Aber: Man muss die Zukunft heute anders sehen. Seit Jahren erzähle und schreibe ich darüber, die Zukunft nicht mehr als eine fern von uns liegende Zeitinsel zu betrachten, die auf uns schicksalshaft zutreibt. Nein, die Zukunft ist Potenzial, Spielraum, Fantasie und Freiheit, die wir in der Gegenwart haben. Die Zukunft hat also vielmehr mit Vorstellungskraft und Gestaltungswillen zu tun, denn mit Science-Fiction. Die Zukunft ist für mich eine Perspektive, eine Sichtweise, ja – eine Denkhaltung: Offen, veränderungsfreudig, kreativ; sich über die eigenen Möglichkeiten bewusst sein, aber auch die Konsequenzen abschätzen können. Das Alles gehört zum Habitus eines zukunftsorientierten Menschen. Kurz: Die Zukunft ist Option und Verantwortung. Dass wir dennoch kurzfristig handeln müssen, ist der Geschwindigkeit unserer Zeit geschuldet. Gegen kurzfristiges Handeln ist auch nichts einzuwenden. Das Problem kurzfristigen Handelns ist ja nicht, kurzfristig zu sein, sondern dass es – meistens - ohne Zukunftsbezug geschieht. Freilich, wir sind mittlerweile gezwungen, die sich bietenden Gelegenheiten im Handumdrehen zu ergreifen, aber das sollten wir eben tun in einem Bewusstsein, welches über den Tellerrand hinauszublicken vermag. Andersherum gesagt: Wer sich kein Bild von der eigenen Zukunft macht, wer also keine Perspektive besitzt, dessen künftige Taten werden immer nur eine Korrektur seiner vergangenen Handlungen sein. Das ist nichts anderes, als purer Aktionismus, der weder klug noch smart daherkommt und welcher letztlich nur erschöpft.   

 

Nun, man hat es ja auch nicht leicht mit der Zukunft. Wir waren es gewohnt, die Zukunft auf die lange Bank schieben zu können. Irgendwann, ja - irgendwann wird die Zukunft schon noch kommen. Nun aber ist sie da, ständig, penetrant, in jeder Sekunde. Das Aufschiebe-Denken muss vom Tisch. Keine einfache Sache, denn anstelle bequemen Hinhaltens steht die Forderung, selbst Position zu beziehen. Plötzlich muss man Entscheidungen für heute aus dem Blick für morgen denken. Bisher war es immer umgekehrt.Zudem kommt, dass sich auch die Finanzbranche, geht es um die Zukunft, nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Das verantwortungslose Provozieren der Banken- und Eurokrise zwingt jetzt zum ausschließlichen Korrekturhandeln. Banker hätten es besser wissen müssen: Geld kann sich nur so schnell vermehren, wie es reale Leistungen zu erwirtschaften vermögen.  Es gibt aber noch einen weiteren Punkt, den die Finanzszene, allen voran die Vorsorgebranche, aus meiner Sicht völlig falsch anpackt. Seit Jahren beschwören die Finanzunternehmen das heraufziehende Rentendesaster, vollmundig, düster, in bedrohlicher Pose. Das Alter wird zur Katastrophe stilisiert, die Vorsorgelücke zum beinahe unüberwindbaren Abgrund, der Pflegenotstand zum Vorboten der persönlichen Apokalypse. Die finanzielle Zukunftsperspektive ist zum puren Angstsparen verkommen, weil man bisher immer glaubte, mit Negativrhetorik ließe sich das besser verkaufen. Doch das Umgehen des Negativen bringt noch lange nichts Positives auf den Weg.Ergo: Wer sich nicht auf sein Alter freut, wird auch nicht fröhlich vorsorgen. Punkt. Die Risikovermeidungsnotwendigkeit mag Finanzleuten einleuchten, Kunden motivieren tut sie nicht (mehr). Wer also Altersvorsorgeverträge verkaufen will, muss Zukunftsperspektiven bieten. Muss Anregungen für ein positives Altersbild geben. Muss zeigen, dass Alterssicherung ein lebenslanger Prozess ist, ja, dass Vorsorge eine Frage von Vision und Gestaltung der eigenen Biografie ist. Und freilich, ein langfristiger Vertrag braucht heute ein Höchstmaß an Flexibilität. Finanzprodukte müssen das Leben abbilden, nicht umgekehrt.  

 

Kommen wir zum Schluss zur Postbank-Studie zurück. Sie hat doch noch was Positives zu vermelden, und zwar, dass sich Immobilien zur Altersvorsorge hierzulande immer größerer Beliebtheit erfreuen. O-Ton des Studiendossiers: „34 Prozent der Berufstätigen planen den Bau oder Kauf einer eigenen Immobilie in den kommenden Jahren, 2010 lag dieser Wert noch bei 23 Prozent. Unter den jungen Berufstätigen springt der Anteil auf 26 Prozent. Beide Ergebnisse sind Rekordwerte seit Beginn der Messungen im Rahmen der Postbank-Studie in 2003.“ Weiter heißt es dort: „Das eigene Haus oder die eigene Wohnung gewinnt sukzessive in der Einschätzung als „ideale Form der Alterssicherung“: Inzwischen 68 Prozent der Berufstätigen nennen hier das Eigenheim. Nur die staatliche Rente bekommt mit 74 Prozent mehr Nennungen. Weil die Nennungen aber gegenüber 2010 stagnieren, ist der Abstand zum Eigenheim inzwischen nur noch gering.“Was sich geradezu altmodisch anhört, ist der konsequente Gegenentwurf zur Unsicherheit einer hektischen und unberechenbaren Welt. Die eigene Immobilie wird immer mehr als Ruhepol und Überschaubarkeitskoordinate in einem verzerrten und überdimensionierten Gegenwartsuniversum begriffen. Und sie steht exemplarisch für das, was ich über die Zukunft gesagt habe: Eine Investition in die eigene Immobilie ist Verantwortung übernehmen für das Leben im besten Sinne.

 

Wer die Postbank-Studie nachlesen möchte: bitte hier klicken 


( November 2012)