Interview mit dem Neuen Jahr

von Oliver W. Schwarzmann,
Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen

 

Heute zu Gast: Das Neue Jahr

 

Talkmaster: „Meine sehr verehrten Damen und Herren. Heute haben wir einen besonderen Gast in unserer Talkshow, den ich Ihnen eigentlich nicht vorzustellen brauche. Jeder von Ihnen hat - wenn auch jeweils eine andere - Vorstellung von ihm. Und mein Gast ist es gewohnt, angezählt zu werden und mit einem lauten Knall zu erscheinen. Aber heute wollen wir ihn einmal ungewohnt begrüßen – und zwar mit einem herzlichen Willkommen: Das Neue Jahr!“ (Das Neue Jahr kommt, betritt die Bühne und nimmt sich seinen Platz. Der Talkmaster versucht, das Neue Jahr zu umarmen. Höflicher Applaus.)
Neues Jahr: „Vielen Dank. Es freut mich, nun endlich hier sein zu dürfen.“ (Das Neue Jahr lächelt.)
Talkmaster: „Ja, sozusagen ganz frisch aus, ja, woher denn eigentlich?“
Neues Jahr: „Ich würde sagen, Herr Talkmaster: Aus der Zukunft.“
Talkmaster: „Ja genau, aus der Zukunft - woher sonst? (Talkmaster lacht. Zuschauer lachen.) Nun, liebes Neues Jahr, gleich zu Beginn eine Frage, die unser Publikum und mich am meisten bewegt: Was werden Sie uns bringen?“
Neues Jahr: „Nichts.“
Talkmaster: „Nichts?“ (Talkmaster macht einen irritierten Eindruck und lächelt verlegen in Richtung Zuschauer.)
Neues Jahr: „Was erwarten Sie von mir, Herr Talkmaster?“
Talkmaster: „Nun ja, ein wenig mehr habe ich mir schon von Ihnen versprochen …“
Neues Jahr: „… ach so?“
Talkmaster: „Es wird sich doch einiges ändern, nehme ich an.“
Neues Jahr: „Was soll sich denn ändern, Herr Talkmaster?“
Talkmaster: „Nun …“ (Der Talkmaster macht eine Pause, schaut auf seine Notizkärtchen.)
Neues Jahr: „Sehen Sie, das ist das Problem.“
Talkmaster: „Ja, schon, Neues Jahr. Aber ich denke doch, dass sich etwas verändern wird!? Nichts bleibt doch wie es ist. (Talkmaster lacht. Vereinzelter Applaus.) Zum Beispiel in der Wirtschaft – sie wird nicht mehr so stark wachsen wie im vergangenen Jahr …
Neues Jahr: „ … bitte lassen Sie mich mit dem vergangenen Jahr in Ruhe. Ich will mich damit nicht immer vergleichen lassen …“
Talkmaster: „… gut ja. Also was ist denn nun mit der Wirtschaft? Die Prognosen der Experten sind ja eindeutig.“
Neues Jahr: „Tja, als Neues Jahr will man sich natürlich nichts vorschreiben lassen. Erfreulicherweise sind sie sehr vage, die Vorhersagen. Da fällt es mir leicht, aus dem Rahmen zu fallen. Sie müssen wissen, ich weiche immer gerne ein wenig ab.“
Talkmaster: „Aha, Sie weichen nicht nur ab, sondern mir auch aus, Neues Jahr! (Talkmaster lacht. Gefälliger Applaus.) Aber jetzt bin ich erst recht neugierig geworden. Also: Wohin wird es denn dieses Mal gehen?“
Neues Jahr: „Das kommt ganz darauf an, wo die Menschen hin möchten, Herr Talkmaster.“
Talkmaster: „Die Menschen? Was haben die denn damit zu tun?“
Neues Jahr: „Nun, sie beeinflussen mich.“
Talkmaster: „Sie lassen sich beeinflussen, Neues Jahr?“
Neues Jahr: „Natürlich, was wäre ich denn für ein Neues Jahr ohne die Menschen? Ich bin doch nicht einfach auf Besuch hier.“
Talkmaster: „Nun, irgendwie schon. Ein Jahr geht, ein neues kommt und bringt uns …“ (Neues Jahr unterbricht.)
Neues Jahr: „… Moment, geben Sie dem Neuen Jahr einen Augenblick. Es ist umgekehrt: Nicht ich reise zu den Menschen oder komme zu Besuch, sondern sie reisen durch mich, sind bei mir zu Gast. Es liegt an ihnen, wo sie ankommen und an ihrem Benehmen, wie sich ihr Dasein entwickelt …“
Talkmaster: „… ja, ja. Sie wollen mich verunsichern, Neues Jahr, nicht wahr? Wir erleben doch immer wieder, dass es anders kommt, als man denkt …“ (Talkmaster winkt ab. Kräftiger Applaus.)
Neues Jahr: „… als Sie es erwarten. Das hat mit Denken nichts zu tun, Herr Talkmaster.“
Talkmaster: „Aber bitte, Neues Jahr, das verstehe ich nun gar nicht …“
Neues Jahr: „Denken heißt doch, sich von Erwartungen frei zu machen.“
Talkmaster: „Nun, das sehe ich nicht so, Neues Jahr. Unsere Erwartungen sind doch unsere Orientierung.“
Neues Jahr: „Sie hätten lieber das alte Jahr in Ihre Show einladen sollen, Herr Talkmaster.“
Talkmaster: (Der Talkmaster zögert.) „Nein, Wiederholungen gibt es schon genug.“
Neues Jahr: „Wie wahr.“ (Das Neue Jahr macht einen gelangweilten Eindruck. Vorsichtiger Beifall.)
Talkmaster: „Wir wollten mal etwas Neues ausprobieren.“
Neues Jahr: „Und deshalb haben Sie mich hergebeten, Herr Talkmaster…“
Talkmaster: „Ja, ein Neues Jahr verspricht doch spannend zu werden.“
Neues Jahr: „Wieso denn?“
Talkmaster: „Nun, irgendetwas wird doch passieren?“ (Zustimmender Applaus.)
Neues Jahr: „Was soll denn passieren?“
Talkmaster: „Tja, was weiß ich? Große Ereignisse halt. In der Politik. Im Sport. In der Gesellschaft. In der Konjunktur. So was eben.“
Neues Jahr: „Das ist ja nichts Neues. Das haben Sie doch bereits jedes Jahr, Herr Talkmaster.“
Talkmaster: „Ja, schon. Deshalb anders eben.“
Neues Jahr: „Wie anders? Was stellen Sie sich vor?“
Talkmaster: „Sie testen meine Geduld, Neues Jahr, nicht wahr? Was ich mir vorstelle? Wenn es sein muss, nun: In der Politik steht vielleicht wieder ein Ausstieg an oder ein Machtwechsel; womöglich tritt der eine oder andere Politiker zurück. Oder sollte es und tut es nicht. Im Sport, ja, da kommt es zu Siegen und Niederlagen. Die Gesellschaft wird sich natürlich auch verändern, denken wir an die neue Mode zum Beispiel, Grau wird eventuell ‚in’ sein. Oder Pink. Türkis vielleicht. Und die Konjunktur? Sie wird sich abschwächen. Möglicherweise kriegen wir aber dennoch die Eurokrise in den Griff. Oder es wird alles noch schlimmer.“ (Tosender Beifall.)
Neues Jahr: „Wenn Sie alles schon vorher wissen, dann hätten sich mich nicht extra herzubestellen brauchen, Herr Talkmaster.“
Talkmaster: „Ich hatte gehofft, ich erfahre Eindeutigeres von Ihnen, Neues Jahr …“
Neues Jahr: „… aber dann wäre doch die Spannung weg.“
Talkmaster: „Naja, wenigstens ein kleiner Ausblick, das wäre doch schon was!?“
Neues Jahr: „Nun, ich will mal nicht so geheimnisvoll sein. Eine Einsicht hat noch nie geschadet. Egal, wie kurz sie ist. Also: In der Politik steht vielleicht wieder ein Ausstieg an oder ein Machtwechsel; womöglich tritt der eine oder andere Politiker zurück. Oder sollte es und tut es nicht. Im Sport, ja, da kommt es zu Siegen und Niederlagen. Die Gesellschaft wird sich natürlich auch verändern, denken wir an die neue Mode zum Beispiel, Grau wird eventuell ‚in’ sein. Oder Pink. Türkis vielleicht. Und die Konjunktur? Sie wird sich abschwächen. Möglicherweise kriegen wir aber dennoch die Eurokrise in den Griff. Oder es wird alles noch schlimmer.“ (Stille.)
Talkmaster: „Also, das ist doch … (Der Talkmaster ringt um Fassung, macht dann weiter)… gut, versuchen wir es einmal anders. Was ist mit den vielen Vorsätzen, die an Sie gerichtet werden. Fühlen Sie sich da unter Druck gesetzt, Neues Jahr?“
Neues Jahr: „Nein, nicht wirklich.“
Talkmaster: „Warum nicht?“ (Talkmaster bemüht sich um Verblüffung.)
Neues Jahr: „Die wenigsten wollen ihre Vorhaben tatsächlich umsetzen. Und die Absichten gehen mich auch gar nichts an.“ (Raunen im Publikum.)
Talkmaster: „Wie? Die Vorsätze gehen Sie nichts an, da komme ich nun nicht mehr mit …“
Neues Jahr: „Warum denn nicht, Herr Talkmaster?“
Talkmaster: „Also, was ist ein Neues Jahr denn ohne Vorsätze? Ich bitte Sie!“ (Zustimmender Beifall. Vereinzelte Buhrufe.)
Neues Jahr: „Tja, das wäre im Grunde nichts anderes. Für mich zumindest.“
Talkmaster: „Warum denn das?“ (Talkmaster wirkt ungeduldig.)
Neues Jahr: „Vorsätze sind ein Versprechen, das sich die Menschen selbst geben. Nicht mir. Ich kann ihnen ihre Wünsche nicht erfüllen.“
Talkmaster: „Ja, aber … nun, ich bitte um Nachsicht … aber wozu brauchen wir dann überhaupt ein Neues Jahr?“
Neues Jahr: „Wo sonst wollten Sie Ihre Zeit denn verbringen?“
Talkmaster: (nachdenkliche Pause) „… hmm, wir danken dem Neuen Jahr für sein Erscheinen. Und wünschen ihm viel Glück. Mit uns.“ (Der Vorhang fällt.)


(Januar 2013)