Kreativität – von der Träumerei zum Erfolgsfaktor

von Oliver W. Schwarzmann,
Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen

 

Bisher als Eigenart von Künstlern, Poeten, Visionären und Designern angesehen, hat sich Kreativität mittlerweile als unverzichtbare Fähigkeit auf dem Weg zum Fortschritt in Wirtschaft und Gesellschaft etabliert.
Kreativität steht sogar im Ruf, die Lösung auf die Herausforderungen unserer Zeit zu sein, stehen wir doch in unserer extrem dynamischen und hochkomplexen Welt im Handumdrehen vor neuen, bisher unbekannten Situationen. Lange Planungen nach Schema F erweisen sich dabei zunehmend als kontraproduktiv, müssen wir ja immer schneller immer mehr improvisieren. Kreativität hat sich hierfür als äußerst hilfreiche Gabe erwiesen, ist sie schließlich nichts anderes als das, was wir offensichtlich benötigen – ein Denken in neuen Zusammenhängen. Mehr noch: Kreativität gilt als Grundlage und Nährboden für Innovation, und mit Innovation verbindet die Wirtschaft eine ihrer wesentlichsten Eigenschaften – das Erfinden von neuen Produkten. Produkte, die den Erfolg garantieren sollen in Märkten, die bereits gesättigt sind und in denen sich der Kunde permanent von smarten Neuheiten überraschen und verführen lassen will.
Kreativität und Innovation gelten somit schlicht als Zukunftsfähigkeit, und die ist nicht nur für Unternehmen wichtig, sondern auch für die Politik und für alle Gesellschaften insgesamt, die an ihre Wachstumsgrenzen gelangt sind. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass unkonventionelles – eben kreatives und innovatives – Handeln notwendig ist, nicht nur um Überraschungsprodukte zu erschaffen, sondern um den Problemen und Krisen unserer Welt mit cleveren Lösungen entgegentreten zu können.

Was aber genau ist kreatives Denken? Unter der vorgenannten Losung „Denken in neuen Zusammenhängen“ verbergen sich einige wesentliche Veränderungen unseres bisherigen Habitus. In einer Welt, wie gesagt, in der von jetzt auf nachher alles anders sein kann und in der ein „Weiter so!“ keinen Erfolg mehr verspricht, verlieren Erfahrung, Wissen, Statistik, Prognose, Kalkül und Kontrolle an Wirkung. An deren Stelle treten kreative Eigenschaften, wie Intuition, Neugierde, Vorstellungskraft, Gespür, Mut und Offenheit – nicht gerade Attribute, die in unsere kostengetriebene High-Tech-Zeit zu passen scheinen. Und doch fordert insbesondere das mittels besserer Technologien nun erreichte Ausmaß an Standardisierung, Automation, Vernetzung und Virtualität eben jenes kreativ-emotionale Können, das uns befähigt, aus dem bisherigen Rahmen auszubrechen.
Wie anders auch wollten wir neue Wege beschreiten?
Das heißt nicht, dass wir Erfahrung, Wissen, Statistik, Prognose, Kalkül und Kontrolle nicht mehr benötigen, nein, wir müssen jedoch lernen, sie mit Intuition, Neugierde, Vorstellungskraft, Gespür, Mut und Offenheit zu kombinieren. Was uns eigentlich beflügeln sollte, handelt es sich doch dabei um Fähigkeiten, für die das menschliche Gehirn optimal ausgelegt ist. Und: Wie anders auch wollten wir mit Maschinen und Computern konkurrieren, wenn nicht mit Fantasie und Emotion?
Also mit genau jenen Eigenschaften, die uns bereits schon einmal zum Sieger der natürlichen Evolution gemacht haben.

Immer wieder steht die Frage natürlich im Raum, ob Kreativität erlernbar ist. Nun, selbstverständlich gibt es unzählige Anbieter von ebenso unzähligen Kreativitätstechniken, die diese Frage schon alleine durch ihre Präsenz mit „Ja“ zu beantworten scheinen. Abgesehen vom florierenden Kreativitätsbusiness gilt es durchaus als gesichert, dass entsprechende Übungen Fantasie und Emotion zu fördern wissen. Das beginnt vor allem bereits im Kindesalter, wo Fantasie und Emotion die dominanteste Rolle in der Wahrnehmung unserer Welt spielen. Die beste Übung ist – auch für Jugendliche und Erwachsene –, den eigenen Gefühlen, Träumen und Ideen freien Lauf zu lassen. Gefördert per hoher Wertschätzung der kreativen Leistungen durch das Umfeld, unabhängig von ihrem vermeintlichen Nutzen (der sich oft auf den ersten Blick gar nicht erschließen lässt). Nichts hemmt Kreativität mehr, als nicht ernst genommen zu werden, permanente Kritik und Zeitdruck – all das ist schlimmer als Geldnot (die ja noch heute im Verdacht steht, kreativitätsfördernd zu sein).
Nun, jeder Mensch verfügt über die ihm eigene Weltsicht, besitzt eine individuelle Fantasie und persönliche Gefühle. Was aber nicht heißt, wir wären alle gleich kreativ. Auch bei Kreativität trifft zu, was in anderen Bereichen unseres Lebens auffällig ist – wirklich kreative Geister werden „geboren“. Es ist eine Begabung, ein Talent, ja – eine Gabe, originell denken und dies ausdrücken zu können. Solche „Kreativisten“ sind natürlich irgendwie anders, zählen nicht zur Norm und können mit Schubladendenken und herkömmlichen Maßstäben schon gar nicht kategorisiert oder bemessen werden. Und man kann sie auch nicht miteinander vergleichen, was bedeutet, dass Kreativität weder standardisierbar noch automatisierbar ist. Kreative sind zudem skurril und unkalkulierbar, was es ihnen bisher in einer Gesellschaft, die sich eigentlich nach Berechenbarkeit, Beständigkeit und Bewahrung des Bewährten sehnt, nicht leicht gemacht hat. Gerne wurden sie als Spinner verlacht und als Fantasten abgetan. Solange eben, bis man mit den üblichen Mitteln nicht mehr weiterkam. Wie es nun heute in nahezu jeglicher Hinsicht der Fall ist. Und weshalb Visionäre rehabilitiert und in die Mitte (wenn nicht an die Spitze) der Gesellschaft gerückt sind. Man denke nur an einen Steve Jobs. Oder an andere große Erfinder und Unternehmerpersönlichkeiten. Hier erleben wir durchaus eine Renaissance des unkonventionellen Denkertypus, des mutigen Pioniers, des leidenschaftlichen Draufgängers, ja, des Fantasten.

Im Finanzmarkt ist ebenfalls Kreativität gefragt, in diesem Zusammenhang allerdings nicht als Fantasie für Aktienkurse und Antrieb für Spekulationen. Nein, das Finanzgeschäft hat aufgrund seiner hohen Standardisierung und geringen Gestaltungsspielräume einen äußerst begrenzten Rahmen im Produktangebot tatsächlich kreativ zu sein. Um es auf den Punkt zu bringen: Alle Finanzunternehmen bieten letztlich dasselbe. Den wirklich kreativen Aspekt in der Arbeit eines Finanzdienstleisters sehe ich daher im Umgang mit dem Kunden. Eine Kundenbeziehung ist wie die Kreativität ebenso wenig standardisierbar als auch automatisierbar. Und man sollte sie nicht an - wenn auch noch so ausgefeilte - Technologien delegieren. Eine Kundenbeziehung lebt von Fantasie und Emotion. Heute umso mehr, zeigt die Kundenexistenz die gleiche Dynamik, Komplexität und Variation, wie wir sie in allen Märkten vorfinden. Übersetzt auf eine Kundenbeziehung bedeutet das, dass der Kunde von heute völlig anders zu beraten ist als bisher. Die Kundenbeziehung muss schon aufgrund des schnellen Wandels des Kundenumfelds viel intensiver sein als in Vergangenheit. Auf die vielseitigen Veränderungen im Leben des Kunden muss flexibel reagiert und unmittelbar neue Strategien entwickelt werden. Auch hier sind lange Planungen nach Schema F passé. Statt klassischer Produkte und Vorteilsargumente, geht es vielmehr um neue Perspektiven und kreative Impulse für die private Lebens- oder unternehmerische Zukunftsgestaltung. Zwar hat der Kunde unzählige technologische Optionen zur Verfügung, seine Finanzgeschäfte abzuwickeln, aber, so muss man sich fragen – weshalb boomen im Internet vor allem Ratgeber- und Social-Media-Seiten?
Weil sich der Kunde nach wie vor den Rat eines vertrauenswürdigen Experten wünscht, ebenso wie er Teil einer Gemeinschaft sein möchte. Diese Erkenntnis müsste doch die Kreativität von Finanzunternehmen beflügeln.
Oder nicht?
 

(August 2013)