Selbst und ständig? Nein, danke!

von Oliver W. Schwarzmann,
Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen

 

Die Bereitschaft, ein Unternehmen zu gründen, sinkt auf den Nullpunkt – so das Ergebnis laufender Umfragen der Future Business Group. Der Research-Think-Tank der Bley und Schwarzmann AG fragt seit 1997 bei Schulabgängern, Studenten und Auszubildenden nach deren Motivation, sich selbstständig zu machen.

Ernüchterndes Fazit: Die eigene Firma erscheint letztlich nur als Notlösung.


Für das Unternehmertum gibt es offensichtlich keine attraktiven Zukunftsperspektiven. Auf eigene Rechnung, also auf eigene Kosten und eigenes Risiko zu arbeiten, empfinden die meisten der Befragten (322 Schulabgänger Gymnasium/Realschule, 227 Studenten, 346 Auszubildende aus Industrie, Handel, Handwerk) mehr als Albtraum denn als einen erstrebenswerten Wunsch. Zum Vergleich: Gaben in 1997 noch knapp über 15% der Gesamtbefragten an, sie könnten sich die Gründung einer eigenen Firma vorstellen, lag dieser Wert Anfang 2013 bei großzügig aufgerundeten 1,3%. Das Befragungsergebnis liegt damit leicht unter der Gründerquote 2012 mit 1,5%, die in 2001 schon mal bei 2,9% lag (Anteil der Gründer an der Bevölkerung im Alter von 18 und 65 Jahren, Quelle: Statista 2013). 
Auch das statistische Bundesamt und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sprechen bei Firmengründungen von niedrigsten Werten.     
Woher kommt das?
Gründe finden sich schnell: Weniger Zuschüsse und ein stabiler Arbeitsmarkt; viele ziehen einen – vermeintlich sicheren – Angestelltenjob einem –vermeintlich unsicheren – Unternehmerdasein vor. Dazu kommen weitere Hemmnisse: Allen voran die durch die Eurokrise bedingte Unsicherheit in der Wirtschaftsentwicklung und die damit verbundenen, negativ eingeschätzten Zukunftsperspektiven. Bei dem Sprung in die Selbstständigkeit nerven dann auch der äußerst schwere Zugang zu Krediten und ein zu hoher Bürokratieaufwand bei der Existenzgründung selbst. Zudem ist der Imagepegel des Unternehmertums in den letzten Jahren deutlich gesunken. Nach dem drastischen Ende des Start-Up-Hypes der New Economy Anfang des Jahrtausends herrscht nach wie vor große Ernüchterung, was die Vision von der Selbstständigkeit angeht. Und da ist ja auch noch die Krise, die seit 2008 irgendwie nicht zu weichen scheint, obwohl es hierzulande kaum Grund zum Klagen gibt. Dennoch: Das Unternehmertum gilt nicht mehr als erstrebenswerte Berufs-, Arbeits- und Lebensform der Zukunft, obwohl sie es in einer auf Flexibilität getrimmten und auf Selbstverwirklichung orientierten Wirtschaftswelt eigentlich wäre.

Die einst positive Perspektive vom Aufbau der eigenen Firma hat sich ins Gegenteil verkehrt. Zudem wirft die Öffentlichkeit immer wieder machtgierige, aber angestellte Manager mit Unternehmern in einen Topf. Fatal: Beide Gruppen haben in aller Regel nichts gemeinsam, außer der Verschlechterung des Ansehens. Die Gründungssituation wird sich weiter verschlechtern, das meinen auch Experten, so lange sich nichts ändert. Und damit finden immer weniger Unternehmen einen Nachfolger, zudem schwächt das auch die Wettbewerbsfähigkeit, weil die Konzerne personell weiter wachsen und die Märkte unter sich aufteilen. Selbstständigkeit ist dann nur noch in kleinen Nischen möglich, die wiederum - beispielsweise als Zulieferer - von den großen Konzernen wirtschaftlich abhängig sind. Die Dominanz großer und weltweit agierender Konzerne ist heute schon Alltag und diese Machtkonzentration schränkt die wichtige Vielfalt in der Wirtschaftsstruktur immer weiter ein. Zudem werden Konjunktur, Politik, Zulieferer, unternehmensnahe Dienstleister und letztlich auch alle Erwerbsfähigen zunehmend abhängig von den Zielen und Strategien der Großunternehmen. Nicht nur Innovation und Entwicklung könnten so auf der Strecke bleiben, auch die Mitarbeiter selbst würden (noch mehr) zum Spielball globaler Monopole. Und unternehmerische Erfolgsgeschichten, wie etwa die von Facebook, bildeten die Ausnahme.              
Wäre es nicht an der Zeit, eine neue, positive Vision des Unternehmertums zu entwerfen?

Und zwar von der Ökonomie selbst, denn die Politik ist derzeit viel zu sehr damit beschäftigt, die Macht unter sich aufzuteilen und wie sie mit Umverteilungsplänen ihre Vision von sozialer Gerechtigkeit umsetzen kann. Mindestlohn, Leiharbeit und Rente sind die großen Themen. Da scheint kein Platz für eine solche Unternehmensdebatte. Obwohl eine nachhaltige Existenzgründungswelle dem Staat auf die Sprünge helfen würde: Abgesehen von der ausgehenden Aufbruchsstimmung entstünden ja auch neue Einkommen und Arbeitsplätze, es käme mittelfristig zu mehr Steuereinnahmen. Gerade Unternehmen, die von Senioren gegründet würden, bildeten eine Gegenentwicklung zur demografischen Kostenfalle. Und Selbstständige könnten in die sozialen Sicherungssysteme eingebunden werden.
Die Anregung zur Selbstständigkeit keimt allerdings nicht in politisch motivierten Existenzgründungsprogrammen. Starthilfe ist notwendig, daran besteht kein Zweifel, allein schon mit Blick auf die restriktive Kreditvergabepolitik der Banken, insbesondere bei Firmenneugründungen.
Doch die Ambition, eine eigene Firma zu gründen, basiert auf etwas anderem: Mut.
Mut zur eigenen Kreativität und Mut zu außergewöhnlichem Engagement.
Um Mut zu fassen, benötigt man innere Überzeugung und Vorstellungskraft, keine äußeren Zwänge.
Und Vorbilder.
Doch – wo sind diese?
Solange wir dem Szenario des überarbeiteten, ausgebrannten, mit Risiken behafteten und um Kredit bettelnden Unternehmer oder dem gierigen Manager kein positives Leitbild beruflicher Selbstverwirklichung und persönlicher Unabhängigkeit gegenüberstellen, schrumpft die Anzahl der Firmen weiter.
Schade eigentlich. 
 

(Oktober 2013)