Soeben war es noch die Zukunft – ein Blick aufs Jahr

von Oliver W. Schwarzmann,
Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen

 

Alle Jahre wieder, ja, da erschrecken wir darüber, wie schnell die Zeit doch wieder einmal vergangen scheint. Was man soeben noch für die Zukunft gehalten und für sie eine Menge Pläne geschmiedet hatte, ist im Nu zur unveränderlichen Vergangenheit geworden.
Ein Jahr mit seinen 365 Tagen, 8760 Stunden, 525600 Minuten und 31536000 Sekunden erweist sich trotz seiner Fülle oder vielleicht gerade deswegen als Hauch flüchtiger Augenblicke. Was war denn gewesen und, so fragt man sich verblüfft, wo ist denn das alles hin?
Der Eindruck, die Zeit vergehe schneller, liege daran, so Forscher, dass wir eben in einer Zeit der Informations- und Reizüberflutung inklusive latenter Erschöpfung leben. Eine globale Wirtschaft in zunehmendem Verdrängungswettbewerb mit internationalem Datenaustausch und Transparenz bis ins Detail, gekoppelt an eine weltumspannende Vernetzung und ständige Verfügbarkeit, das alles habe mit unserem ursprünglichen, immer noch steinzeitlich eingestellten Zeitrhythmus nichts zu tun. Daher raube die heutige Welt dem modernen Menschen nicht nur die Ruhe und den notwendigen Schlaf, das mache ihn auch krank, warnen Ärzte. Und die Realität gibt ihnen ganz offensichtlich recht: Psychische Störungen aufgrund des Arbeits- und auch Freizeitstresses gelten mittlerweile als neue Volkskrankheit und das Burn-out-Syndrom ist sogar gesellschaftsfähig und zur anerkannten Etikette für das ultimative Machertum geworden. Dass es so nicht weitergehen kann, ist zwar Verbal-Konsens in allen Schichten der Bevölkerung, wird zugleich aber zur Verhaltens-Floskel karikiert, denn es geht eben genau so weiter. Der Verdrängungswettbewerb in der globalen Wirtschaft verschärft sich ungebremst, der internationale Datenaustausch weitet sich ungerührt unserer Wahrnehmungskapazitäten aus, auch die Transparenz vergrößert sich ungeachtet unserer Belastungsgrenzen, nicht zuletzt erreicht die weltumspannende Vernetzung wirklich jeden Winkel des Planeten und öffnet der Erreich- und Verfügbarkeit eines jeden Tür und Tor. Durch die viele dem Alltag gerne entwischen würden, wenn sie könnten, denn was zu viel ist zu viel. Doch wir stehen im Bann Jahrmillionen alter Evolutionskräfte und die lassen uns gerade in modernen Zeiten nicht los, heißt: Wir passen uns an, was uns eigentlich nicht passt, aber wer mit dem Strom schwimmt, erreicht zwar niemals die Quelle, die angesichts der Aussicht, dabei womöglich unterzugehen, kaum attraktiv erscheint.

Keiner traut sich ein Risiko einzugehen, niemand wagt sich vor ins Unbekannte, kaum jemand kämpft für seine Überzeugungen und jeder sucht danach, hat aber Angst ihn wirklich zu finden, den Sinn des Lebens. Könnte das alles doch unser bisheriges Leben verändern und damit Gewohnheiten, Bequemlichkeiten und die damit vermeintlich verbundene Sicherheit infrage stellen. 
Wollen wir aber die Zukunft gewinnen, müssen wir das Gewagte über das Gewohnte stellen, müssen Risiken eingehen und uns ins Unbekannte trauen. Aus der Wiederholung des Bekannten entsteht nichts Neues. Und die Vergangenheit bestimmt nicht die Zukunft, sondern nur unsere Erwartungen an sie. Was die Entfaltung doch äußerst begrenzt. Der Mensch als Gewohnheitstier und Gedächtniswesen aber ist von der Kontinuität des Beständigen fasziniert, vermittelt das doch Fortschritt mit geringstem Widerstand – alles fließt, wie es Heraklit und Platon schon so schön sagten, und am schönsten fließt es in eine bekannte Richtung.
Dieser Strömung verdankt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Erfolg bei der Wahl. „Sie kennen mich“, so lautete ihr Motto, gesagt bei den Schlussworten im TV-Duell gegen Steinbrück. Und das machte Eindruck. Einen Eindruck, den man schon kannte und der deshalb nach wie vor als gut empfunden wird, weil er für keinerlei Überraschungen steht. Schätzen wir Überraschungen ja nur dann, wenn wir sie vorher eingeplant haben. Trotz der Kritik an Angela Merkel, sie sei wankelmütig und habe keine klaren Kurs, steht sie doch für unseren Zeitgeist: Alles ist möglich, nichts eckt an - es fließt eben. Schließlich leben wir in der Ära der soften Mobilität. Das weiche Fließen ist nun das neue Laufen. Nichts läuft also, es fließt. Harmonischer geht Stillstand nun wirklich nicht. Und die von der Bevölkerung gewünschte Große Koalition ist dazu dann die Vollendung der Manifestation des umfassenden Fließens – alles drin und jeder schwimmt, nein, badet mit. Wir leben, nein, planschen jetzt schon in den guten alten Zeiten.       
Und wenn’s dahinplätschert, braucht es schon gar keine Vorstellungen von der Zukunft, hat doch bereits Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt betont: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Allerdings darf man analytische Nüchternheit nicht mit dem Mangel an Utopien verwechseln.

Was bleibt nun von 2013, von dem Jahr, das wieder einmal viel zu schnell verging?
Natürlich, es plätscherte auch so vor sich hin, wenngleich es doch voll war mit Ereignissen, die tiefgreifend waren und auch in die Zukunft wirken werden. Unter den vielen Geschehnissen, die nun in ebenso vielen Jahresrückblicken aufgearbeitet werden, möchte ich zwei herausgreifen.
Beginnen wir mit unser aller Heimat, die Erde. Eine Jahrhundertflut im Juni vor allem in Bayern und Sachsen, der Taifun „Haiyan“ im November auf den Philippinen und nicht zuletzt Orkan „Xaver, der soeben im Dezember an der Nordseeküste wütete - alle diese, äußerst extremen Wetterphänomene werden uns in die Zukunft begleiten, und sie werden viel Leid anrichten und ebenso viel Geld kosten. Der Klimawandel ist nicht aufzuhalten; der Ressourcenhunger industrialisierter Länder scheint das Festhalten am gewohnten Raubbau des Planeten zu rechtfertigen. Das geht zunächst auf Kosten der Natur, wir Menschen aber bezahlen letztlich den Preis. Und die UN-Klimakonferenz in Warschau produzierte dazu Minimalkompromisse und gute Absichten. Doch was unsere Atmosphäre nun gar nicht gebrauchen kann, ist heiße Luft. Klimaschutz ist eigene Zukunftssicherung, dessen müssen wir uns endlich bewusst werden. Der Blick in die Geschichte der Menschheit zeigt mehr als deutlich: Haben Hochkulturen den Zenit ihrer Entwicklung erreicht, zerstören sie sich selbst.

Sind wir an diesem Punkt angekommen?
Und was wird wohl die uns überlebende Spezies über die Menschen sagen? Sie hatten ihre Chance, vermute ich. Und die sollten wir nutzen – unmittelbar, denn das Beste, was wir aus der Vergangenheit lernen können, ist, sie nicht zu wiederholen.        
Beenden möchte ich diesen Abschnitt mit dem Tod Nelson Mandelas, nun im Dezember 2013. Er wird von der ganzen Welt zu Recht bewundert, nicht nur als Kämpfer gegen die Apartheid, sondern als Ikone für Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung, Vergebung, Versöhnung, Menschlichkeit und Humor. Wir alle schätzen solche außergewöhnlichen Personen, weil sie uns zeigen, zu welchen wunderbaren Leistungen wir Menschen fähig sind. Und dass wir in der Lage sind, die Welt zum Guten zu verändern.
Deshalb glaube ich an unsere Zukunft.
Denn der beste Weg, um Beständigkeit zu sichern, liegt nicht darin, Veränderungen zu umgehen oder mit ihnen bestmöglichst umzugehen.
Sondern darin, ihnen eine positive Richtung zu geben.

 

 

(Dezember 2013)