Spiele in Europa

von Oliver W. Schwarzmann,
Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen

 

Trotz europäischer Finanz- und Wirtschaftskrise sind wir alle im EM-Fieber. Und ein Punkteverlust ist für eine Nation momentan wohl schlimmer, als die Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit durch eine Ratingagentur. Fußball ist also die beste Ablenkung von der Krise und zeigt auch, wie unterschiedlich, bunt und facettenreich Europa ist. Betrachtet man das Aufeinandertreffen der europäischen Mannschaften einmal nicht aus Sicht von Sieg oder Niederlage, sondern aus dem Blickwinkel des (Zusammen-)Spiels, zeigt sich, wie die Freude am Sport - trotz des Wettbewerbs - die jeweiligen Teams miteinander verbindet. Das Europa, das wirtschaftlich und auch politisch immer stärker auseinanderdriftet, wächst im Fußball wieder zusammen.

Das gilt nicht nur für die Akteure auf dem Platz, sondern auch für deren Verehrer: Von einigen Krawallmachern abgesehen, feiern süd- und mitteleuropäische, nord- und osteuropäische Fans gemeinsam. In dieser Euphorie erscheinen die europäischen Probleme leicht lösbar, und man kann nur hoffen, dass der sportliche Gemeinschaftsgeist weiter zunimmt und auf die politischen und wirtschaftlichen Ambitionen der einzelnen Politiker seine Wirkung entfaltet. Denn die Lösung der europäischen Schuldenkrise liegt im Zusammenhalt.

 

Das gilt für die nationalen Politiker ebenso wie für jeden Einzelnen. Europa funktioniert nur im Team. Und ein Team funktioniert nur, wenn sich die Unterschiede der Teilnehmer zu ergänzen wissen und das Gemeinschaftsinteresse attraktiver ist als das Ausleben persönlicher (nationaler) Egos. Deshalb wäre auch eine Rückkehr zu nationalen Währungen ein Fiasko: Europa zerfiele, jeder europäische Nationalstaat müsste sich in einem globalen Markt alleine behaupten, für Export-Deutschland führte die massive Aufwertung der wiedereingeführten D-Mark in ein wirtschaftliches Desaster.
Kein Wunder, dass derzeit viel über die Zukunft diskutiert wird.
Was ist der richtige Weg? Welche Entscheidung bringt uns nach vorne, welche wirft uns zurück?
Jeden Tag stehen wir vor neuen Situationen, jeder Moment kann zur Überraschung werden. Ja, die Welt ist wie ein Fußballspiel: komplex, dynamisch, unberechenbar.
Und es ist in einer solchen Welt – wie eben beim Fußball – äußerst kühn, die Zukunft aus der Vergangenheit hochrechnen zu wollen. Favoriten enttäuschen, Außenseiter verblüffen, Chancenlose siegen – alles ist möglich.
Gerade die vermeintlich sicheren Annahmen entpuppen sich am Ende als Trugschluss. Und was anfangs keiner will, ist letztlich nicht mehr wegzudenken.
 
Doch - warum ist die Zukunft nur so unberechenbar?
Ich glaube, sie will uns damit zeigen, dass wir ihr mit einer besonderen Einstellung begegnen sollten: mit Unvoreingenommenheit.
Und deshalb glaube ich auch nicht, dass die Zukunft irgendwie vorhersagbar ist, außer sie wäre unabänderlich – doch wozu dann ein freier Wille?
Und wozu eine Prognose? Alles stünde ja schon fest. Auch das Ergebnis eines Spiels.
Dennoch wollen und müssen wir in die Zukunft blicken, denn sie ist, wie es Albert Einstein schon treffend formulierte, die Zeit, in der wir gedenken zu leben.
Und die Zukunft ist das, so meine ich, was wir aus der Gegenwart machen.
Was machen wir also nun für eine Zukunft aus der aktuellen Gegenwart?
Europa wird, wie zuvor gesagt, stärker zusammenrücken müssen, will es seine Zukunft sichern. Die wirtschaftlichen, strukturellen und politischen Unterschiede der einzelnen Länder müssen sich angleichen, ohne dass es zu einer Gleichmachung der einzelnen Länder kommt. Aus einem Herkules kann man eben keinen Häberle machen, was auch umgekehrt gilt. Nein, jedes Land muss sich auf seine Stärken besinnen und diese einbringen, allerdings auf einem gemeinsamen Fundament. Zwar hat die Währungsunion (noch) nicht zu einer politischen Union geführt, aber eine währungsbedingte Teilung Europas würde den Kontinent nicht nur wirtschaftlich, sondern politisch wie nie zuvor spalten. Es käme zu neuen Blocks mit einem zum Teil extremen Gefälle, was niemand ernsthaft gefallen kann.
Zudem müssen sich Banken und Börsen auf ein nachhaltiges Geschäftsmodell besinnen, nämlich die Finanzierung von unternehmerischer Innovation und die Förderung der privaten (Alters-)Vorsorge. Das Finanzgeschäft braucht zudem eine emotionale wie moralische Erneuerung, will es zukunftsfähig sein. Die monetäre Situation der Welt, der jeweiligen Länder, der einzelnen Gesellschaften, der Unternehmen und die eines jeden Einzelnen wird immer komplexer, weshalb eine glaubwürdige, vertrauensvolle und kundenorientierte Beratung absolut notwendig ist. Die Zeit provisionsgetriebener Verkaufsstrategien und renditeorientierter Spekulationen muss enden. Denn ersteres verrät Zweck und Nutzen einer Partnerschaft und das Zweite erzeugt so viel heiße Luft, die jedes Klima nachhaltig schädigt. Eines ist doch klar: Alle Versprechen, gerade die gedruckten und virtuellen, müssen irgendwann real eingelöst werden. Heißt: Geld kann sich nicht selbst erschaffen. Wundertüten und Füllhörner gibt es nicht, sondern was Mensch und Märkte brauchen, sind reale Werte. Und reale Werte sind, was von Dauer ist, Substanz hat und Bedeutung besitzt. Das sollten wir uns als Anleger bei jedem Engagement fragen: Investiere ich in reale Werte? Ist die Kapitalanlage von Dauer? Hat sie Substanz? Und: Ist sie für mich – und ja auch für die Gesellschaft - von Bedeutung?
 
Ich halte nichts vom Schwarzmalen und glaube auch nicht, dass der Euro stürzt, Europa auseinanderbricht oder letztlich gar das Geld mit samt der ganzen Welt untergeht. Freilich, wir werden uns auf Turbulenzen einstellen müssen, womöglich droht eine höhere Inflation durch die massiven Staatsschulden, vermutlich schrumpfen einige Banken, was weitere Irritationen am Finanzmarkt auslösen wird und ja, auch die Weltwirtschaft könnte sich abschwächen. Das ist wohl aber die Chance, neue Maßstäbe zu entwickeln, die wir ja längst alle fordern, uns aber nicht trauen, sie wirklich zu setzen. Wir haben Angst, dass diese neuen Maßstäbe zu Prügeln werden, die wir uns selbst in den Weg legen. Doch dieser Befürchtung möchte ich widersprechen – ich bin mir sicher, dass wir mit diesen neuen Maßstäben eine Brücke in die Zukunft bauen können. Ja müssen, denn weitergehen wie bisher kann es ja offensichtlich nicht. Aber statt den Rückzug anzutreten, halte ich viel mehr davon, sich aufzumachen zu neuen Ufern. Weder können wir rückwärts leben, noch liegt unser Glück in der Vergangenheit. Was wir aber von der Vergangenheit lernen können, ist, sie nicht zu wiederholen.
Und eine Krise dauert nur so lange, solange wir an sie glauben.
Zeit also, die Karten neu zu mischen.
Nicht nur für unsere Zukunft.
Ansonsten macht das Spielen ja auch keinen Spaß.


( Juni 2012)