Vor dem Aquarium

von Oliver W. Schwarzmann,
Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen


Eine Hommage an unser Tier im Haus

 

Ja, ich gebe es zu. Ein Aquarium steht bei mir Zuhause in einer Ecke. Schon lange.
Es hat mich seit jeher begleitet, von Umzug zu Umzug, von Ecke zu Ecke.
Und ja, man kann sagen, die Fische und ich, wir reichen uns zwar offiziell nicht die Flossen, sind uns aber irgendwie nahe. Obwohl wir in zwei unterschiedlichen Welten leben.
Nunmehr.
Denn einst waren wir es, die sich aus den nassen Fluten erhoben, um das Land zu erobern. Schnell streiften wir alles Feuchte ab, legten dem Leben trockene Tücher an, begannen, uns zu rasieren und die Schuppen zu peelen, entwarfen Anzüge und Kostüme und steigen nun jeden Morgen ins Auto, um uns vom Verkehrsstrom ins produktive Haifischbecken spülen zu lassen. Und am Wochenende schiffen wir ab und an über Fluss, See und Meer, der Sehnsucht nach Flüssigem und Bewegtem wegen.
Wir machen gerne Wellen. Und schwimmen immer noch, zumindest dann und wann kommen wir wieder hinein.
Denn alles fließt. Doch vieles verrinnt. Manches tropft. Einiges verläuft.

Nun, was denken Fische eigentlich?
Glauben Fische tatsächlich, dass das, was sie umgibt und in dem sie ihre Runden abschwimmen, ihre reale Welt ist? Ja, ihr Universum? Und halten sie die Hand, die sie täglich füttert und immer wieder das Wasser wechselt, für eine Art höhere Macht?
Manchmal, wenn ich wieder einmal mit sehnsüchtigem Blick ins Wässrige vor meinem Alltag und den verflossenen Chancen abzutauchen versuche, nun da beschleicht mich das Gefühl, die Fische drehen den Spieß selbst um, beobachten also mich, nicht ich sie.

Was, wenn sie denn denken, denken sie denn über mich?
Halten sie mich für eine – bitteschön vom Glas verzerrte – Fratze? Für einen seltsamen Spuk?

Ich muss ihnen zumindest als komische Erscheinung vorkommen, wie ich so als trockener Zeitgenosse vor dem Aquarium, Pardon - vor ihrem Lebensraum, ja, vor ihrer Privatsphäre herumsitze.
Und gut, zugegeben, ich tue, was alle Haustierbesitzer tun, ich rede mit den Fischen.
Trotz fehlender Antworten und einer offensichtlichen Widerspruchslosigkeit. Oder gerade deshalb.
Geht es ihnen auf die Nerven? Halten sie es für albernes Theater?

Warum fühlen wir uns von unseren Haustieren nur so wunderbar verstanden?
Vielleicht deswegen, weil sie uns begleiten, obwohl sie uns (scheinbar) nicht folgen können?
Was für Hundebesitzer ein wedelnder Schwanz und ein herzhaftes Bellen und für Katzenliebhaber ein zufriedenes Schnurren und wildes Miauen sind, sind die schnappenden Mundbewegungen und ein Wink mit den Flossen für den Aquarianer.
Es ist auch nicht so, dass die Fische einen nicht bemerken würden, nein, ganz und gar nicht, sie tanzen mir geradezu vor der Nase herum. Sie scheinen ausgelassen und fröhlich, oft sogar wie angetrunken.
Ja, es scheint so zu sein.
 
Womöglich ist alles nur Täuschung? Ein Spiel mit meinen Erwartungen und falschen Eindrücken?
Vielleicht ist den Fischen langweilig? Ist ihre Welt zwar durchsichtig, aber dennoch äußerst begrenzt.
Sind sie etwa niedergeschlagen? Lassen sie sich doch immer wieder tief sinken.
Aber ihr ansonsten so buntes Treiben? Ist das nicht der guten Laune bester Ausdruck?
Vielleicht lachen sie mich gar aus? Wer weiß das schon …

Eigentlich ist es ja ganz gut, dass ich nicht weiß, was die Fische denken. Vor allem über mich. Vermutlich würde mir das nicht gefallen. Wer will sich schon von seinem Haustier die Wahrheit sagen, gar kritisieren lassen?
Obwohl … wenn wir wüssten, was Tiere über uns denken, würden wir sie wahrscheinlich gar nicht bei uns Zuhause (fest-)halten.
Oder dann erst recht, wären ihre Gedanken sicherlich eine Bereicherung für unser Weltbild. Oder dessen Ende.

Nun, da es ist, wie es ist, sollten wir uns an dem, was wir als ihre Gefühlsäußerungen deuten, erfreuen.
Und ihnen dankbar sein: Haustiere lassen uns doch ein gutes Stück menschlicher erscheinen.
Zudem haben mir die Fische etwas Wesentliches voraus – den ganzen Tag unter Wasser, das könnte ich nicht.

 

(Februar 2013)