Der grüne Zweig des Wachstums Oder: Europa vor der Depression?

von Oliver W. Schwarzmann,
Zukunftsforscher & Publizist

 

Man würde ja gerne die Zeit, in der man gerade lebt, für die interessanteste halten. Und viele tun das. Aus zwei einfachen Gründen: Eine interessante Zeit macht einen selbst interessant. Und - die Vergangenheit ist eben schon vorbei und die Zukunft einfach noch nicht da. Und so versuchen viele in der Gegenwart eben Geschichte und Vision zusammenzubringen, um das Hier und Jetzt interessant zu machen. Heraus kommt meistens eine Art aufgefrischte Wiederholung dessen, was man bereits kennt. Zu stark sind wir Menschen in unseren Erinnerungen verwurzelt und viel zu vage und gefährlich erscheint ein mutiger Schritt in die unbekannte Zukunft.
Oder wir halten uns selbst einfach für interessant genug.
Nun, dennoch müssen wir Neues wagen, wollen wir Interessantes erschaffen.
Auch wir Menschen sind nur dann interessant, wenn wir uns verändern.
Und keine Zeit, als die eigene eignet sich besser dazu.
Vor allem dann, wenn sie eine Krisenzeit ist. Denn in dieser sind die Chancen am größten.
Betrachtet man alle Erfolgsgeschichten, so wurden die spektakulärsten in eben jenen Phasen geschrieben, in denen es richtig nach unten ging. Denn die Zukunft ändert die Dinge nicht, sie ist die Chance, sie zu ändern.
Und eigentlich gilt das immer, also auch heute.
Doch Europa, das wirtschaftlich in eine Depression zu fallen scheint, hält fest am Althergebrachten. Was den Kontinent eben nicht weiterbringt. Die niedrigen Zinsen sind ein Alarmsignal, die Schuldenhaushalte, die hohe Arbeitslosenzahl in vielen Ländern und die schwache Wirtschaftsentwicklung sowieso. Und das von der Bundesregierung mantrahaft beschworene Sparen würgt den Rest jeglicher Wachstumshoffnung vollends ab.
Die Konsolidierung der Haushalte ist wichtig, zweifellos, aber Zukunftsinvestitionen und eine Stimmung des Aufschwungs sind momentan schlicht wichtiger.

Uns geht es hierzulande nicht schlecht, freilich, aber wie lange noch kann sich Deutschland dem Europa-Trend entgegenstellen?
Die Ökonomie zeigt ja schon wo’s langgeht – das deutsche Wirtschafswachstum schwächelt bereits. Und auch die Preise sinken immer weiter.
Da hilft keine Euro-Skepsis. Natürlich, eine Gemeinschaftswährung ist wie ein Korsett für ungleiche Länder. Und die Ungleichheit in Europa nimmt weiter zu, was den Euro unter massiven Druck setzt. Doch die Auflösung des Euro-Raumes wäre viel zu teuer. Und auch die Abwertung einer Währung ist nur kurzfristig ein Erfolgsmittel, mit ihr kauft man Zeit, keine Zukunft. Spiele mit der Währung sind kein wirklicher Wettbewerbsvorteil. Nein, Europa muss zusammenwachsen, nur gemeinsam ist die Krise lösbar, eine Depression abwendbar. Bankenunion und Euro-Bonds sind ein gangbarer Weg, dem der Euro ja als Anlauf dient. Eine Gemeinschaftswährung ist auf eine Gemeinschaftswirtschaft ausgerichtet. Die Fiskalunion muss also genauso auf die Agenda zurückkehren, wie der Reformwille. Gemeinschaftliche Investitionen mit regionalen Stärken verbinden, das hatte ich nicht gestern, nein, bereits Anfang der 2000er Jahre gefordert. Die Vielfalt Europas ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der nur Gewinn bringt, wenn man ihn gemeinschaftlich umsetzt. Europa könnte absoluter Wachstumsmotor für die ganze Welt sein.

Dazu gehört auch, mit Russland nun endlich eine friedliche Lösung der Konfliktsituation herbeizuführen, statt sich auf eine gegenseitige Sanktionsspirale einzulassen. Bei dieser stehen am Schluss nur Verlierer da, vor allem im Westen. Denn die Asiaten werden das zu ihrem Vorteil nutzen wissen und auf Russland zugehen. So wie die USA nun Afrika entdecken, könnte Russland Asien entdecken. Diese Entwicklungen schwächen Europa nicht nur weiter, ja, sie isolieren uns. 
Seit über einem Jahrzehnt rufen wir die Informations- und Kommunikationsgesellschaft aus und reden nicht mehr miteinander. Da ist es wieder, das Dilemma: Die Vergangenheit ist schon vorbei und die Zukunft noch nicht da. Also halten wir uns lieber an alte, vertraute Vorgehensweisen. Wir fahren mit dem festen Blick in den Rückspiegel in die Welt von morgen.
Keine Vision zu sehen, die, so scheint es, könne man sich sparen.
Freilich, wir leben in turbulenten Zeiten.
Aber wir könnten in einer der interessantesten Zeiten leben.
Wir müssten sie nur interessant gestalten.

PS: Was der Unterschied ist?
Nun, turbulent ist eine Zeit, in der viel passiert, die aber keine Richtung hat.
Wir müssten also nach vorne schauen.
Gemeinsam.   
Das wäre doch einmal wirklich interessant.

 

 

(August 2014)