Tue immer das Gegenteil des zweiten Gedankens oder: Was ist aus der Motivation geworden?

von Oliver W. Schwarzmann,
Publizist für ökonomische Zukunftsentwicklungen

 

Fürwahr, wir Menschen sind von Trieben gesteuerte Wesen.
Bereits als Kinder treiben wir im Kleinen um, in der Pubertät übertreiben wir als Halbstarke der Größe willen alles, weil uns als junge Erwachsende das jeweils andere Geschlecht mit Knappem umtreibt, bis uns dann als Herangereifte die Ehe im Großen und Ganzen die Flausen aus dem Kopf treibt. Was, wie man im Laufe des Lebens erkennt, noch untertrieben ist.
Doch das ist noch lange kein Grund, sich einfach nur treiben zu lassen.
Nein, der Antrieb unseres Daseins ist der entscheidende Anstoß, den wir an unserer Existenz nehmen, wenn wir die Kurve kriegen wollen.
Was aber ist der wirkliche Motor unseres Lebens?
Warum sind wir immer mit dem, was wir haben, unzufrieden?
Wieso befinden wir uns ständig in diesem verhängnisvollen Soll-Zwang?
Welche Kraft lässt uns Kunststücke vollbringen, also Konten überziehen, Festgefahrenes bewegen und nach den Sternen greifen?
Warum sind uns letztere nicht schnuppe?
Weswegen denken wir unaufhörlich: Geht nicht, läuft nicht?
Weshalb gibt es überhaupt jene Macht, die uns antreibt, anzieht und vorwärts drängt?
Wo wollen wir eigentlich hin?
 
„Gestalte ich, bin ich Mensch“ könnte die künstlerisch betonte Antwort lauten.
„Sei selbst die Antwort“ wäre eine philosophische Variante.
„Erreiche Deine Ziele“ käme von den Businessleuten.
„Vervollkommne Dich!“ mag der esoterischen Einstellung entsprechen.
„Die Antwort findest Du im Glauben“ spiegelte eine religiöse Haltung wider.
„Folge nur Dir selbst“ tönte es wohl von Egoisten.
„Sex, Drugs and Rock’n Roll“, nun ja, auch eine mögliche Antwort. 
„Verwandle Dich in einen besseren Zeitgenossen“, würde zumindest der Gesellschaft helfen.
„Schätze das Leben“ klänge nach naturverbundenem Gedankengut.
Und was würde der Staat dazu sagen? „Werde ein braver Steuerzahler“, vermute ich. 
Bis auf das letzte, ähneln sich alle Bekenntnisse.
Kein Wunder: Jeder Mensch strebt auf seine Weise nach Höherem, nach dem Idealen, nach Außergewöhnlichem.
Es scheint in uns allen eine starke Triebfeder gespannt zu sein, die es uns schwermacht, alles leicht zu nehmen. Und die dafür sorgt, dass die Oberfläche, so groß und verführerisch sie auch sein mag, uns nicht befriedigt. Nein, wir wollen eindringen, abtauchen, dem Fundament auf den Grund gehen, jedem Lächeln auf den Zahn fühlen, ja – im größten Blödsinn den Ursprung des Wahnwitzes erkennen.
 
Die Sehnsucht nach Entfaltung, Größe und ja – Reichtum haben nicht nur Kunst, Philosophie, Religion und der Staat als Antrieb- und Machtmittel erkannt, es ist vor allem die Ökonomie, die sich nach Süchten sehnt, mit denen sich Kunden und Mitarbeiter  binden und zu ungehemmtem Konsum und Höchstleistungen anregen lassen.
Deshalb spielt die Motivation in der Wirtschaft eine wichtige Rolle und wird seit Jahrzehnten den Unternehmen als Erfrischungs-Kur verordnet – was immer wieder interessante Blüten treibt.   
Erinnern Sie sich noch an die Ära der großen Showmaster der Motivationsszene?
Ist Ihnen die Nummer „Gehe über glühende Kohlen und Du kriegst Dein Leben in den Griff!“ nach wie vor geläufig?
Freilich, so die Botschaft, man muss eben schneller sein, damit nichts anbrennt.
Oder denken Sie einmal daran zurück, wie Menschen in der Euphorie meterlange Stahlstangen nur mit ihrem Hals verbogen?
Tja, will uns die Metapher suggerieren, wer nicht sich, aber andere zu verbiegen weiß, wird seine Potenz vervielfachen. Oder anders ausgedrückt: Wer am längeren Hebel sitzt, kriegt den Hals nicht voll.
Und ja, nicht zuletzt – klingt auch in Ihnen der kingkonghafte Urschrei „Tschakka“ nach?
Meine Frau hat diesen Motivationsbrüller perfekt umgesetzt, indem sie mich seither anspornt mit einem kräftigen „Tschakka. Du schaffst es! (jetzt endlich den Müll rauszutragen).“        
Ehrlich gesagt, geht mir dieses ganze Motivations- und Positivgetue ziemlich auf die Nerven.
Bitte keine Missverständnisse: Fröhlichkeit und Zuversicht halte ich für wesentliche Elemente unserer Lebensqualität und Produktivität.
Aber ich bin den gestelzten Floskeln und dem aufgesetzten Gegrinse einfach überdrüssig geworden, habe die Nase voll von denen, die schmalzig daherreden und meinen, damit sei alles in Butter. Und ja, ich mag die aufgedrehten Spielmausradiomoderatoren nicht mehr hören, die einem mit ihrer guten Laune ständig im Ohr liegen.
Zudem frage ich mich, von wo die TV-Macher das jubelnde, ständig klatschende und ewig winkende Studiopublikum nur herkriegen?
Mittlerweile ödet mich auch das immer halbvolle Glas an.
Wollen denn Optimisten nie nachgeschenkt bekommen?
Oder mal was Neues probieren?
 
Nein.
Begeisterung, Antrieb, Engagement, ja, der Wille, sich kreativ auszudrücken, das Alles macht uns Menschen aus. Besser gesagt: Damit beginnt unsere Bedeutung.
Wir wollen selbst ein Wunder sein, um bewundert zu werden; wir möchten selbst unsterbliche Dinge tun, um ewig zu währen.
Ja, wir suchen Dinge von Bestand und Dauer zu erschaffen.
Unsere Motivation ist daher weit mehr, als ein rosaroter Anstrich von außen – der wirkliche Grund, sich zu bewegen, ist das Finden der eigenen Lebensaufgabe. Hinter unserem Streben nach Glück und Erfüllung steckt der Wunsch, etwas Besonderes zu sein.
Und man wird besonders, indem man Besonderes tut. Indem man seine Individualität entfaltet. Indem man seine Persönlichkeit entwickelt. Indem man sich selbst bewusst wird. 
Das wissen wir. Tief in unserem Inneren. Und das ist der Anstoß. Der Weckruf. Die Kraft, die in uns wirkt. 
Doch diese Vision vom eigenen und ja –außergewöhnlichen Ich ist nicht immer klar und es gibt, nach meiner Erfahrung, keinen direkten Weg dorthin. Jede Umleitung ist wichtig und ja, Ablenkung führt uns oft erst auf den richtigen Pfad.
Auch Berechnung und Kalkül führen nicht zwingend zum Ziel, nein, es ist vielmehr der spielerische Umgang mit unseren eigenen kreativen Kräften und denen anderer. Unter Zwang läuft tatsächlich nichts, und nichts entsteht unter Druck.
Deshalb sollten wir immer unserem ersten Gedanken folgen, er ist unbelastete Intuition. Alles, worüber wir anschließend nachdenken, also der zweite Gedanke ist schon viel zu sehr mit Interessen, Absichten und ja – Bedenken kontaminiert.
Und deshalb sollten wir immer das Gegenteil des zweiten Gedankens tun, um zur Freiheit des ersten Impulses zurückzukehren.
Natürlich, auch das schützt uns nicht vor einem Scheitern. Doch der Misserfolg, man mag es in einer Krise nicht glauben, eröffnet erst die entscheidenden Spielräume und setzt mehr Kreativität frei, als dauerhafter Erfolg. 
Und wer hoch hinaus will, darf sich vor dem Fall ohnehin nicht fürchten.
Darin steckt auch der Sinn unseres Triebs.
Nämlich – immer wieder die Stärke aufbringen zu wollen, die uns über uns selbst hinauswachsen lässt.


( April 2012)